Schöne Medienwelt

Mensch und Medien, Politik und Sex, Klatsch und Bildung: Meine Meinung zu sehr unterschiedlichen Themen.

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Dr. Jörg Zimmermann; Berkersheimer Weg 7; 60433 Frankfurt

Mittwoch, März 15, 2006

Selbstverstümmelung für das Ego?

Tief in meinem Innersten hoffe ich immer, daß die Menschheit sich auf dem Weg zu wachsender Zivilisiertheit befinden und ihre Primitivität verlieren. Dazu gehört auch ein nüchternes Verhältnis zum Körper. Die Menschen im Busch müssen natürlich noch Mutproben ablegen und ihrem Körper Narben zufügen. Sie müssen ihren Rang und ihre Stammeszugehörigkeit mit Tätowierungen nachweisen, dem Personalausweis der Eingeborenen. Und da man nicht mit Lexus und Mercedes SLK angeben kann, steckt man sich eben Steine, Knochen und anderes Material in alle möglichen Hautöffnungen. Dank genehmigter Kontoüberziehung und kreditfinanzierten Autos hat das der moderne Mensch nicht mehr nötig. Oder doch? In Wahrheit sind inzwischen gut ein Drittel aller Menschen zwischen 15 und 30 gepierct, mit steigender Tendenz. Hübsch ist es nicht, wenn da ein Bolzen in der Zunge steckt, ungesund allemal, und eigentlich sollten sich die Krankenkassen weigern, die Zahnbehandlung, eventuell auch die Krebsbehandlung zu übernehmen, die als Spätfolgen anfallen. Aber wer richtet schon etwas gegen den Zeitgeist aus. Leben wir also lieber diesen Schmarrn voll aus und fragen nach weiteren Instrumenten, die sich für ein ökonomisches Piercing anbieten:

1. Hammer und Nagel

Die preisgünstigste Piercingalternative. Wenn man alle wichtigen Dokumente festnagelt, braucht man keine Taschen mehr. Sogar die Brieftasche kann Diebstahlsicher untergebracht werden. Leider kommt man dann selbst auch nicht mehr ans Geld.

2. Pipette mit Salpetersäure

Dank der schimmernden Gelbfärbung der angeätzten Haut gleitender Übergang zum modischen Branding. Vorsicht: die Löcher geraten recht groß, damit allerdings auch die Auswahl der Gegenstände, die man in die Löcher stopfen kann.

3. Schrotflinte

Die zeitsparende Variante. Nicht jeder kann sich dann die ganzen Bolzen und Ringe leisten, um alle Löcher zu füllen.

4. Dressierter Specht

Ökologisch bewegte Piercingfreunde werden diese natürliche Methode bevorzugen, die nötigen Löcher anzulegen. Das Training des gemeinen europäischen Buntspechtes nimmt etwa 2 Jahre in Anspruch, und auch bei der Wahl des Piercingortes ist eine gewisse Experimentierfreude nötig. Trotzdem: sollte uns das unsere Umwelt nicht wert sein?

5. Bürotacker

Dazu kann ich wirklich nicht raten – der Versuch, als vielbeschäftigter Managertyp zu gelten, der seine Arbeit mit nach Hause nimmt, geht meist daneben. Zu leicht wird man mit einem müden Verwaltungsbeamten verwechselt, der sich beim Büroschlaf vor einem Sturz vom Drehstuhl absichern wollte.

Wenn es etwas wirklich originelles sein soll, warum nicht ein Lebendpiercing? Gibt es nicht? Gibt es, hier jedenfalls. Ich schalte um zu einer:

Reportage über einen Besuch in einem Lebendpiercingladen.

Reporter Paul Maul live vor der Kamera:

Maul: "Ich stehe hier vor dem "Biber Town Shop", Hamburgs erstem Lebendpiercingladen."

Kamera schwenkt in einen Laden, der einem Zoogeschäft ähnelt. Verkäufer kommt ins Blickfeld, hünenhafter, kahlrasierter Mann in Ledermontur.

Maul: „Mario Hulk, früher im Kiez erste Adresse, wenn es um Russisch-Inkasso ging, betreibt seit drei Monaten seine neue Geschäftsidee, das Piercing mit Tieren. Guten Tag, Herr Hulk.“

Hulk grunzt freundlich in Richtung Kamera.

Maul: "Wie kamen Sie auf die Idee, Lebendpiercings anzubieten?"

Hulk: "Es ist der Zeitgeist. Die Menschen haben weniger Zeit, sie leben allein, sie wollen gut aussehen - wir bieten alles." Grinst und zeigt dabei ein Pferdegebiß.

Maul: "Alles...?"

Hulk: "Nun schauen sie..."

Hulk schnappt sich aus einem Käfig behende einen Rottweiler, der in seinen Pranken gar nicht mehr groß aussieht und trägt die ängstlich zitternde Bestie am Nacken in einen Nebenraum.

Hulk: "...unsere Piercings sind originell und jedes für sich einzigartig..."

Im Nebenraum wartet ein schmächtiges Männlein mit lichten Schläfen und Wohlstandsbauch angeschnallt in einem Behandlungsstuhl.

Hulk: "...gleichzeitig ist unser Piercingobjekt lebendig."

Hulk setzt den Hundkopf an der Schulter des Kunden an, schlägt kraftvoll auf den Schädel - der Hund beißt sich fest, Aufheulen von Hund und Kunden, Blut spritzt, während der Ladenbesitzer ungerührt weiterspricht.

Hulk: "Also, ein ständiger Begleiter, ein Freund..."

Hulk legt eine Stahlklemme um die Schnauze des Hundes, der nun auf der Schulter fest verkeilt ist. Die Schmerzensschreie des Kunden ebben ab.

Hulk: "...und keine Probleme mit einsamen Tieren zu Hause. Sie wissen immer, wo ihr kleiner Liebling ist."

Der Rottweiler fletscht die Zähne und sabbert, während der Kunde aus den Schnallen befreit wird und zur Kasse wankt, behindert vom großen Vieh, das nun über seinem Rücken hängt.

Maul: "Sie piercen nur mit Hunden?"

Hulk: "Oh nein, Hunde, Katzen, Schlangen, Biber...was immer sie wollen, wir haben es. Natürlich beraten wir unsere Kunden."

Maul: "Natürlich..."

Hulk: "Zum Beispiel wollte neulich ein Kunde einen Hai..."

Maul: "Das geht natürlich nicht..."

Hulk: "Nicht, wenn jemand rothaarig ist. Und das war hier der Fall. Wir haben dann einen Elefanten implantiert."

Maul: "Ach..."

Hulk: "Und der Kunde ist hochzufrieden. Jetzt fühlt er sich beachtet, wo er vorher ignoriert wurde, hat ein Piercing, das typgerecht ist - und kommt auch ohne Auto überallhin..."

Maul: "Überall?"

Hulk: "Wohin der Elefant will."

Maul: "Ja, dann danke für das Interview."

Hulk: "Gern geschehen. Wollen Sie es nicht auch probieren?"

Maul: "Äh, nein danke..."

Hulk, nun drohend: "Wollen Sie es nicht auch probieren?"

Maul, piepsend: "Aber sicher..."

Hulk, wieder ruhig: "Natürlich, jeder will es. Python, Python würde Ihnen vorzüglich stehen..."

Kamera blendet langsam ab, während der Reporter Paul Maul von Mario Hulk in den Behandlungsstuhl geschnallt wird.

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