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Dr. Jörg Zimmermann; Berkersheimer Weg 7; 60433 Frankfurt

Dienstag, März 28, 2006

Der politisch korrekte Neandertaler

In den Zeitungen und Zeitschriften entwickelt sich gerade eine Artikelflut zum Neandertaler. Es ist verständlich, sind doch gerade 150 Jahre vergangen, seitdem in einem Seitental der Düssel bei Mettmann die ersten Knochen gefunden wurden. Erstaunlich ist jedoch der emotionale Unterton, in dem der Neandertaler diskutiert wird. Hier redet man nicht einfach über eine von vielen frühmenschlichen Formen. Den Neandertaler umgibt besondere Sentimentalität und besondere politische Bedeutung.

Das fing schon mit dem Fund an, drei Jahre vor Erscheinen von Darwins „On the origin of species“. Es war ein besonderer Glücksfall, daß ein Steinbruchbesitzer das Skelett des Neandertalers, das beim Ausräumen einer Höhle als vermeintliche Bärenknochen mit dem Abraum weggeschmissen wurde, sicherte und dem Realschullehrer Dr. Fuhlrott zeigen ließ. Der wagte es auch, ein hohes Alter der Knochen anzunehmen. Diese Sicht wurde jedoch in Deutschland zunächst bestritten. Britische Wissenschaftler waren daher die ersten, auch angesichts der neuen Evolutionstheorie, von einer Vorform des Menschen, also einem Homo neanderthalensis zu sprechen.

In Deutschland begann ein Streit darum, ob man hier einen Frühmenschen vor sich hatte oder nur einen degenerierten Zeitgenossen, wie es der bekannte Professor Rudolf Virchow mit seiner Deutung der Knochen als die eines rachitischen Menschen der Neuzeit nahe legte. Und wenn man an ein hohes Alter der Knochen glaubte, war der Neandertaler eher ein hoch entwickelter Affe oder ein primitiver Mensch? Und wie konnte man das mit dem Glauben an Schöpfung und an den Menschen als Abbild Gottes vereinbaren? Der Siegeszug des Darwinismus war der Siegeszug des Neandertalers, und es war ein Kampf gegen die Position der Kirche und der Gesellschaft jener Zeit. Insofern war im 19. Jahrhundert der Neandertaler ein Politikum.

Dies war auch später nicht anders. Die Geister schieden sich an der Frage, wie primitiv der Neandertaler war. Hier gab es wohl einen großen Gegensatz zwischen dem Bild der Öffentlichkeit und den Erkenntnissen der Wissenschaftler. Das populäre Bild zeichnete einen grunzenden Affenmenschen, mit Keule und groben Tierhäuten behangen, in Höhlen lebend und halbrohes Fleisch essend. Für die Wissenschaftler andererseits war zum einen das relativ große Hirnvolumen faszinierend. Relativ zur Körpergröße war das Neandertalerhirn voluminöser als das des modernen Menschen. War der Neandertaler gar intelligenter? Aus dem Gehirnvolumen allein kann man das natürlich nicht schließen. Aber auch die Hirnwindungen ließen auf eine große Hirnkapazität schließen. Inzwischen gibt es Mutmaßungen darüber, daß die Neandertaler vor allem größere Gehirnareale für das Sehen und Hören zur Verfügung hatten. Auch die Werkzeuge des Neandertalers waren faszinierend. Moderne Menschen müssen viele Jahre üben, bevor sie einen Faustkeil mit dem Geschick eines Neandertalers herstellen können. Es wäre nicht überraschend, wenn sich in einem direkten Vergleich herausgestellt hätte, daß der Neandertaler den zeitgenössischen Homo sapiens im Bearbeiten von Steinen geschlagen hätte.

Ein Politikum war auch die Abstammungsfrage – was übrigens seine Parallelen auch in der Auffassung des Pekingmenschen in China hat. Heute ist durch genetische Analysen entschieden, daß wir zumindest in weiblicher Linie nicht vom Neandertaler abstammen, auch eine Vermischung mit dem frühen Homo sapiens wohl auszuschließen ist. Für den Pekingmenschen dürfte das ebenso gelten. Doch war es jeweils schmeichelhafter, eine jeweils regionale Weiterentwicklung aus den Frühmenschen anzunehmen. Also nicht zu glauben, daß wir alle von afrikanischen Homo sapiens abstammen, sondern die Europäer von Neandertalern, die Chinesen von Pekingmenschen (den regionalen Homo erectus), und dies durchaus als Basis für rassistische Überlegungen, um sich von Afrikanern abzuheben. Dabei gibt es eigentlich bei den großen anatomischen und kulturellen Unterschieden zwischen Homo sapiens und Neandertalern keinen Grund, eine Vermischung der beiden Menschenformen (wenn es nicht ohnehin verschiedene Arten waren) anzunehmen. Da aber taucht das nächste Politikum auf.

Es geht um die Frage, wie wir heute politisch korrekt mit dem Neandertaler umgehen. Ist es eigentlich rassistisch, die Unterschiede zwischen Homo sapiens und Neandertaler zu betonen, wenn wir beide als Menschen anerkennen? Je nach Temperament wird über die Auslöschung des friedlichen Neandertalers durch den aggressiveren Homo sapiens spekuliert oder einen ökologischen Krieg, bei dem dem alteingesessenem Neandertaler sein Großwild durch die afrikanischen Zuwanderer weggejagt wurde. Das Aussterben des Neandertalers regte sentimentale Überlegungen darüber an, ob sich hier der aggressive, böse Mensch bereits ausgetobt hatte. Vergleiche mit der Marginalisierung und dem hohen Blutzoll von Indianern und Australiern kommen einem in den Sinn.

Während die einen Forscher frühe Höhlenmalereien, Bestattungen und erste Musikinstrumente nur dem Homo sapiens zuordnen wollen, versuchen andere aus mageren Funden abzuleiten, daß der Neandertaler hier die gleiche Entwicklung mitmachte. Es ist nun aber rätselhaft, warum nach über 100.000 Jahren ausgerechnet am Rande des Aussterbens der Neandertaler die kulturellen Fähigkeiten des modernen Menschen entwickeln sollte. Obwohl Neandertaler und moderne Menschen in manchen Regionen über Jahrtausende nebeneinander gelebt haben müssen, ist der Grad des kulturellen Austausches reine Spekulation. Und das Aussterben des Neandertalers könnte auch ein einfaches Scheitern am Klimawandel sein. Der flexiblere Homo sapiens hat sich an ständige Wetteränderungen im Zuge des Klimawandels anpassen können und Phasen mit geringem Nahrungsangebot besser überstanden. Dem Neandertaler könnte sogar seine große Kraft und sein größeres Gehirn zum Verhängnis geworden sein. Für beides brauchte er eine Nahrungsmenge von 4500 kcal pro Tag. Der moderne Mensch konnte mit fast der Hälfte auskommen und notfalls längere Zeit auf Großwild verzichten. Doch auch dies ist nur Spekulation.

Zur Zeit ist man in den Massenmedien darum bemüht, den Neandertaler zu rehabilitieren, und dabei schießt man vielleicht über das Ziel hinaus. Vergleichbar der Dinosauriermanie vergangener Jahre könnte auch der Neandertaler den Sprung zum Kultstatus schaffen als der ursprünglichere, aber bessere Mensch, bedauerlicherweise ausgestorben und von dem gleichen Menschen verdrängt, der Auschwitz und Hiroshima zu verantworten hat. Da wäre es schon sehr störend, wenn er dann doch weder Bestattungsriten, noch Kunst gepflegt hätte, und uns vielleicht doch fremder war, als sich das wohlmeinende Menschen heute wünschen.


Ein interessanter Link zum Thema:

Mythos Neandertaler

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