Schöne Medienwelt

Mensch und Medien, Politik und Sex, Klatsch und Bildung: Meine Meinung zu sehr unterschiedlichen Themen.

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Dr. Jörg Zimmermann; Berkersheimer Weg 7; 60433 Frankfurt

Dienstag, März 28, 2006

Gloria Trevi – den Roman würde niemand schreiben

Es gibt Lebensläufe, die würden als Roman niemals erscheinen – zu unwahrscheinlich, zu schrill, unglaubwürdig. Ich persönlich würde den von Gloria Trevi als rekordwürdig einschätzen. Das erstaunliche dabei ist, daß kaum jemand in Europa Gloria Trevi kennt. Gloria Trevi ist spätestens seit etwa 1990 ein mexikanischer Superstar, bekannt in der ganzen lateinamerikanischen Welt.

Der erste Teil der Geschichte der Gloria Trevi war ein Märchen über ein armes Mädchen, geboren 1970, das entdeckt wurde und dann eine beispiellose Karriere machte. Aus armen Verhältnissen stammend wurde sie von ihrem späteren Manager und Liebhaber Sergio Andrade entdeckt und gefördert. Sie eroberte die mexikanischen Charts mit mehreren Nummer 1 Hits und etablierte sich dann mit ihrer eigenen Talkshow als Medienstar. Man nennt sie die mexikanische Madonna, nicht wegen ihrer Keuschheit, sondern weil sie die gleichnamige Popikone an Freizügigkeit noch aussticht. Dafür waren ihre Bühnenshows schon seit dem legendären Auftritt in der Show „Siempre en Domingo“ 1989 berüchtigt, als sie den Song „Dr. Psiquiatra“ geradezu herausschrie und dabei auf der Bühne tobte, daß man ihre Unterwäsche sah – unerhört in der ansonsten konservativen Show. Sie erhielt dort Bühnenverbot, aber der Song wurde eine Nummer 1 in den mexikanischen Charts.

Die hübsche Sängerin mit der Löwenmähne war und blieb sexuell provokant. So hieß ihre vierte CD „Mas tubare“, was in der Schreibweise „mehr gestört“ heißt, zusammengeschrieben aber „mastubieren“. Für mehrere Kalender zeigte sie viel nackte Haut, und natürlich liefert die Suche nach Nacktfotos von ihr im Internet viele Treffer. Auftritte in Filmen und Telenovelas trugen zur ihrer Bekanntheit bei. So wurde sie zum Idol vieler Lateinamerikanerinnen. Gloria Trevi beließ es aber nicht dabei, nackte Haut zu zeigen. Ungehemmt prangerte sie Machismo und Korruption in ihrer Heimat an und machte sich damit wohl auch bei so manchem Politiker unbeliebt. Schließlich kündigte sie an, für die mexikanische Präsidentschaft kandidieren zu wollen, machte diese Ankündigung aber nie wahr.

Doch ihr Auftreten provozierte auch Gerüchte über ihr Leben und ihr Verhältnis mit dem Manager, noch mehr aber über die Teenager, die als Jungtalente zur Förderung von Andrade betreut wurden. Im Hintergrund liefen zudem Gerüchte über sexuelle Beziehungen zu Politikern und auch Steuerhinterziehung der Fernsehgesellschaft, für die sie arbeitete.

Der zweite Teil der Geschichte wurde zum Thriller. 1998 wurden offene Anschuldigungen vorgebracht, daß die von Andrade und Trevi betreuten Teenager sexuell ausgebeutet würden. Andrade wurde sexueller Übergriffe gegen Minderjährige beschuldigt, gar des Unterhalts eines sexuellen Kultes, in dem die Minderjährigen in seiner Talentschule erst einer Gehirnwäsche unterzogen und hörig gemacht wurden, um dann sexuell ausgebeutet zu werden. Trevi wurde beschuldigt, ihm dabei zu helfen und die Teenager seinem Zugriff zuzuführen. Man spekulierte auch über eine sexuelle Hörigkeit von Trevi. Die Geschichte wurde zunächst von Aline Hernandez, einer Ex-Frau Andrades angestoßen, die in einem Buch die sexuelle Versklavung der Mädchen behauptete. Im Jahr 1999 kulminierten die Verdächtigungen. Karina Yapor, ein Mädchen, das von ihren Eltern mit 12 Jahren in die Obhut von Trevi und Andrade zur Talentförderung gegeben worden war, soll mit 17 verführt worden sein. In Spanien läßt sie ihr Baby zurück, kehrt dann nach Mexiko zurück. Sie behauptet, das Baby sei von Andrade, bestreitet aber zunächst jede schlechte Behandlung. Andrade, Trevi und ein Teil der Talentschule waren da auf Weltreise, in Spanien, in Argentinien und schließlich im Januar 2000 in Brasilien. Hier wurden sie schließlich auf Betreiben Mexikos verhaftet und in Auslieferungshaft genommen.

Einige Zeit später wurde aus dem Thriller ein Schmierentheater: Trevi behauptete, von Wärtern im Gefängnis während eines Häftlingsaufstands vergewaltigt worden zu sein und verlangte erstens nicht ausgeliefert zu werden, weil nach einem inzwischen nicht mehr gültigem Gesetz die Auslieferung von Frauen, die in Brasilien ein Kind bekommen haben, nicht möglich sein soll, zweitens die Überstellung in Hausarrest während der Schwangerschaft, drittens politisches Asyl, weil sie in ihrer Heimatprovinz in Mexiko wegen der angekündigten Aufdeckung politischer Korruption mundtot gemacht werden sollte. In monatelangem Ringen in Gerichten und Medien wankte der Popstar nun zwischen Hoffen und Bangen, ob sie ausgeliefert würde. Bald schon kam heraus, daß ihre Vergewaltigungsgeschichte unglaubwürdig war. Tatsächlich stellte sich Andrade als der Vater des Kindes heraus. Die Mutmaßungen darüber, wie Trevi an sein Sperma gekommen war und sich befruchtet hatte, beschäftigten die Boulevardpresse.Im November 2001 dann die schlechte Nachricht: auch das oberste Gericht verweigerte der Sängerin politisches Asyl. Einzelne Kongressabgeordnete besuchten sie im Gefängnis und stellten sich im Kampf gegen ihre Auslieferung an ihre Seite. Dabei führte es auch zu öffentlicher Entrüstung, als bekannt wurde, daß die im siebten Monat schwangere Frau sich in der Zelle kaum bewegen könnte und von Unmengen Insekten geplagt wurde. Zumindest lancierte Trevi diese Geschichte. Die öffentliche Empörung darüber mag einen Einfluß gehabt haben, jedenfalls gab es Mitte Dezember eine neue Wendung. Der Flüchtlingsausschuß entschied nun doch, ihren Status als politischen Flüchtling anzuerkennen. Zugleich wurde ihr erlaubt, das Kind im Hausarrest in einer Klinik zur Welt zu bringen. Am 18. Februar 2002 kam ihr Sohn zur Welt. Doch bald darauf wurde die Entscheidung des Ausschusses auch schon wieder zurückgenommen, Trevi wieder in Haft überstellt. 2003 endlich wurde sie, wie auch Andrade, nach Mexiko ausgeliefert.

Auf das Schmierentheater folgte das politische Lehrstück. Die Ermittlungen schleppten sich lustlos dahin, Enthüllungen des Boulevards folgten Eingaben und Proteste Gloria Trevis, deren Fangemeinde unbeirrt zu ihr hielt. Nachdem Gloria Trevi mit einem Hungerstreik begann, um ihren verschleppten Prozeß vorwärts zu bringen, wurde sie endlich im September 2004 von einem Gericht in Chihuahua freigesprochen. Dem Richter hatte sie erklärt, ein Opfer von Andrades Sexkult zu sein, und sie konnte das Gericht von dieser Version überzeugen. Seitdem ist sie wieder auf Tour, unterbrochen durch eine Babypause, denn im August 2005 brachte sie einen Sohn zur Welt.

Immerhin ist dieses Leben ein guter Stoff für einen schnulzigen Film, der eigentlich zu unwahrscheinlich wäre, wenn er nicht auf reale Ereignisse gründete. Der mexikanische Regisseur Carlos Bolado prüfe das Script eines amerikanischen Produzenten zu einer Trevi-Biographie, meldete die spanische Zeitschrift Terra. Damit wäre der Verwertungszyklus des mexikanischen Stars komplett...

Eine englische Übersetzung eines Artikels dazu:

Girl Trouble

Im wesentlichen ist das die Inhaltsangabe des Buches:

GIRL TROUBLE: The True Saga of Superstar Gloria Trevi and the Teenage Sex Cult That Stunned the World.
Christopher McDougall.
Harper Collins Publishers.
278 pages.

Der politisch korrekte Neandertaler

In den Zeitungen und Zeitschriften entwickelt sich gerade eine Artikelflut zum Neandertaler. Es ist verständlich, sind doch gerade 150 Jahre vergangen, seitdem in einem Seitental der Düssel bei Mettmann die ersten Knochen gefunden wurden. Erstaunlich ist jedoch der emotionale Unterton, in dem der Neandertaler diskutiert wird. Hier redet man nicht einfach über eine von vielen frühmenschlichen Formen. Den Neandertaler umgibt besondere Sentimentalität und besondere politische Bedeutung.

Das fing schon mit dem Fund an, drei Jahre vor Erscheinen von Darwins „On the origin of species“. Es war ein besonderer Glücksfall, daß ein Steinbruchbesitzer das Skelett des Neandertalers, das beim Ausräumen einer Höhle als vermeintliche Bärenknochen mit dem Abraum weggeschmissen wurde, sicherte und dem Realschullehrer Dr. Fuhlrott zeigen ließ. Der wagte es auch, ein hohes Alter der Knochen anzunehmen. Diese Sicht wurde jedoch in Deutschland zunächst bestritten. Britische Wissenschaftler waren daher die ersten, auch angesichts der neuen Evolutionstheorie, von einer Vorform des Menschen, also einem Homo neanderthalensis zu sprechen.

In Deutschland begann ein Streit darum, ob man hier einen Frühmenschen vor sich hatte oder nur einen degenerierten Zeitgenossen, wie es der bekannte Professor Rudolf Virchow mit seiner Deutung der Knochen als die eines rachitischen Menschen der Neuzeit nahe legte. Und wenn man an ein hohes Alter der Knochen glaubte, war der Neandertaler eher ein hoch entwickelter Affe oder ein primitiver Mensch? Und wie konnte man das mit dem Glauben an Schöpfung und an den Menschen als Abbild Gottes vereinbaren? Der Siegeszug des Darwinismus war der Siegeszug des Neandertalers, und es war ein Kampf gegen die Position der Kirche und der Gesellschaft jener Zeit. Insofern war im 19. Jahrhundert der Neandertaler ein Politikum.

Dies war auch später nicht anders. Die Geister schieden sich an der Frage, wie primitiv der Neandertaler war. Hier gab es wohl einen großen Gegensatz zwischen dem Bild der Öffentlichkeit und den Erkenntnissen der Wissenschaftler. Das populäre Bild zeichnete einen grunzenden Affenmenschen, mit Keule und groben Tierhäuten behangen, in Höhlen lebend und halbrohes Fleisch essend. Für die Wissenschaftler andererseits war zum einen das relativ große Hirnvolumen faszinierend. Relativ zur Körpergröße war das Neandertalerhirn voluminöser als das des modernen Menschen. War der Neandertaler gar intelligenter? Aus dem Gehirnvolumen allein kann man das natürlich nicht schließen. Aber auch die Hirnwindungen ließen auf eine große Hirnkapazität schließen. Inzwischen gibt es Mutmaßungen darüber, daß die Neandertaler vor allem größere Gehirnareale für das Sehen und Hören zur Verfügung hatten. Auch die Werkzeuge des Neandertalers waren faszinierend. Moderne Menschen müssen viele Jahre üben, bevor sie einen Faustkeil mit dem Geschick eines Neandertalers herstellen können. Es wäre nicht überraschend, wenn sich in einem direkten Vergleich herausgestellt hätte, daß der Neandertaler den zeitgenössischen Homo sapiens im Bearbeiten von Steinen geschlagen hätte.

Ein Politikum war auch die Abstammungsfrage – was übrigens seine Parallelen auch in der Auffassung des Pekingmenschen in China hat. Heute ist durch genetische Analysen entschieden, daß wir zumindest in weiblicher Linie nicht vom Neandertaler abstammen, auch eine Vermischung mit dem frühen Homo sapiens wohl auszuschließen ist. Für den Pekingmenschen dürfte das ebenso gelten. Doch war es jeweils schmeichelhafter, eine jeweils regionale Weiterentwicklung aus den Frühmenschen anzunehmen. Also nicht zu glauben, daß wir alle von afrikanischen Homo sapiens abstammen, sondern die Europäer von Neandertalern, die Chinesen von Pekingmenschen (den regionalen Homo erectus), und dies durchaus als Basis für rassistische Überlegungen, um sich von Afrikanern abzuheben. Dabei gibt es eigentlich bei den großen anatomischen und kulturellen Unterschieden zwischen Homo sapiens und Neandertalern keinen Grund, eine Vermischung der beiden Menschenformen (wenn es nicht ohnehin verschiedene Arten waren) anzunehmen. Da aber taucht das nächste Politikum auf.

Es geht um die Frage, wie wir heute politisch korrekt mit dem Neandertaler umgehen. Ist es eigentlich rassistisch, die Unterschiede zwischen Homo sapiens und Neandertaler zu betonen, wenn wir beide als Menschen anerkennen? Je nach Temperament wird über die Auslöschung des friedlichen Neandertalers durch den aggressiveren Homo sapiens spekuliert oder einen ökologischen Krieg, bei dem dem alteingesessenem Neandertaler sein Großwild durch die afrikanischen Zuwanderer weggejagt wurde. Das Aussterben des Neandertalers regte sentimentale Überlegungen darüber an, ob sich hier der aggressive, böse Mensch bereits ausgetobt hatte. Vergleiche mit der Marginalisierung und dem hohen Blutzoll von Indianern und Australiern kommen einem in den Sinn.

Während die einen Forscher frühe Höhlenmalereien, Bestattungen und erste Musikinstrumente nur dem Homo sapiens zuordnen wollen, versuchen andere aus mageren Funden abzuleiten, daß der Neandertaler hier die gleiche Entwicklung mitmachte. Es ist nun aber rätselhaft, warum nach über 100.000 Jahren ausgerechnet am Rande des Aussterbens der Neandertaler die kulturellen Fähigkeiten des modernen Menschen entwickeln sollte. Obwohl Neandertaler und moderne Menschen in manchen Regionen über Jahrtausende nebeneinander gelebt haben müssen, ist der Grad des kulturellen Austausches reine Spekulation. Und das Aussterben des Neandertalers könnte auch ein einfaches Scheitern am Klimawandel sein. Der flexiblere Homo sapiens hat sich an ständige Wetteränderungen im Zuge des Klimawandels anpassen können und Phasen mit geringem Nahrungsangebot besser überstanden. Dem Neandertaler könnte sogar seine große Kraft und sein größeres Gehirn zum Verhängnis geworden sein. Für beides brauchte er eine Nahrungsmenge von 4500 kcal pro Tag. Der moderne Mensch konnte mit fast der Hälfte auskommen und notfalls längere Zeit auf Großwild verzichten. Doch auch dies ist nur Spekulation.

Zur Zeit ist man in den Massenmedien darum bemüht, den Neandertaler zu rehabilitieren, und dabei schießt man vielleicht über das Ziel hinaus. Vergleichbar der Dinosauriermanie vergangener Jahre könnte auch der Neandertaler den Sprung zum Kultstatus schaffen als der ursprünglichere, aber bessere Mensch, bedauerlicherweise ausgestorben und von dem gleichen Menschen verdrängt, der Auschwitz und Hiroshima zu verantworten hat. Da wäre es schon sehr störend, wenn er dann doch weder Bestattungsriten, noch Kunst gepflegt hätte, und uns vielleicht doch fremder war, als sich das wohlmeinende Menschen heute wünschen.


Ein interessanter Link zum Thema:

Mythos Neandertaler

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Donnerstag, März 23, 2006

Ein Saft wie Gold

Wer auf die Preisschilder der Tankstellen schaut, der weiß, Benzin ist knapp geworden. Auch, wenn man nicht weiß, ob es gerade knapp ist, weil in Nigeria einige Shell-Mitarbeiter als Geiseln genommen wurden oder weil der Iran vielleicht den Ölhahn abdrehen könnte (könnte!) oder weil in Venezuela Präsident Chavez seine Magenpillen nicht genommen hatte und in seiner persönlichen Fernsehshow 3 Stunden über die Yankees schimpfte oder weil ein Hedgefondsmanager meinte, daß es nicht schlecht wäre, wenn der Benzinfuture in Yokohama 3 Basispunkte höher tickte, egal, Benzin ist jedenfalls rar und teuer. Was macht man da?

Auf sein Auto verzichten.

Hahaha, der war gut! Nein, im Ernst – seit einem Jahr hat der Benzinpreis den Euro pro Liter weit hinter sich gelassen, und die ersten Autofahrer fangen an, sich an die Preise zu gewöhnen. Aber ich nicht. Und das hat seinen Grund.

Vor wenigen Monaten habe ich mein altes Auto, das zehn Jahre gute Dienste leistete, auf seine letzte Reise geschickt. Nach Weißrußland, um präzise zu sein, weil man dort gut das Doppelte von dem zahlen wollte, was man hierzulande für einen Gebrauchtwagen bekommt. Das aber nur am Rande. Der neue Wagen hat nämlich eine technische Zugabe, eine Spielerei, die ich bisher noch nie vermißt hatte, nämlich eine Verbrauchsanzeige, in Litern je 100 km. Bisher hatte ich mir immer den Kilometerstand zu den Tankrechnungen aufgeschrieben und wußte, die letzten 2 Wochen blieb der Verbrauch im Rahmen – oder auch nicht. Jetzt aber sehe ich permanent den augenblicklichen Verbrauch. Und das hat wirklich eine gewaltige erzieherische Wirkung.

Wie jeder weiß, spart defensive Fahrweise Sprit. Selbstverständlich fahre ich defensiv. Dachte ich. Ich fahre gemäßigte 140 auf der Autobahn. Da räuspert sich die Verbrauchsanzeige: „Ich will ja nicht stören, aber so wie Du fährst, haust Du bald 9 Liter pro 100 Kilometer raus.“ „Wie bitte, ich fahre doch kaum schneller als 130. Hier, jetzt fahre ich 130 genau.“ Die Verbrauchsanzeige schaut mich nur vorwurfsvoll an und bleibt auf der 8,9 stehen. Ich nehme Gas weg. „Hier, ich fahre jetzt 110, hörst Du, 110.“ Die Verbrauchsanzeige gibt etwas Motivation und geht langsam herunter. Sehr langsam. Plötzlich ist es aus. „Was ist denn jetzt schon wieder los?“ rufe ich aus. Die Verbrauchsanzeige schaut mich vorwurfsvoll an – eine Steigung, und ich wollte das Tempo halten. Wir fahren jetzt 100 und hinter mir bildet sich eine Schlange von Autofahrern, die mich und meine Nachkommen bis ins siebte Glied verfluchen. So begann eine fruchtvolle Zusammenarbeit...

Als ich den Führerschein machte, stand energiesparendes Fahren noch nicht auf dem Programm, und die Technik der Autos war noch etwas einfacher. Sie wollen also Benzin sparen, wenn sie am Gefälle die Kupplung treten? Falsch, ganz falsch. Die letzten Monate konnte man in den Zeitungen, den Magazinsendungen, überall lesen: „Nicht die Kupplung treten – wenn man ohne Gas fährt, verbraucht der Wagen in einem Gang weniger als bei getretener Kupplung.“ Das konnte ich jetzt sehen. Bei Steigungen – vorher Schwung holen, in der Steigung den Wagen langsamer werden lassen. 10.000 LKWs können nicht irren. Vor allem aber, alle Beschleunigungsspitzen kappen. Gut, ich nehme grundsätzlich nicht am Rennen teil „Wer steht zuerst an der roten Ampel.“, auch wenn es ärgerlich ist, wenn dann ein Schnösel hinter mir noch mal Gas gibt, um sich auf den letzten 20 Metern noch schnell vor mich zu setzen. Ich bin dann schon froh, wenn es eine zweite Spur gibt und der Drängler nicht auf meiner Spur überholen will. Aber auf der Autobahn wird meine Verbrauchsanzeige sehr deutlich. „Langsamer!“ „Ich fahre doch langsam.“ „Noch langsamer.“ Ich lerne, daß es beim Verbrauch meines Autos einen Unterschied von über 7% macht, ob ich die 12 Kilometer zur Arbeit mit einer Spitzengeschwindigkeit von 105 oder von 95 Kilometern pro Stunde zurücklege. Ich lerne, daß es einen Weg gibt, die offiziellen Verbrauchsangaben des Autos zu erreichen und der ist: „Langsam fahren.“

Ab und zu kriecht vor oder hinter mir ein anderes Auto in meinem Schneckentempo. Ein Bruder, eine Schwester im Geiste. Oder eine Rentnerin, die in ihrer Jugend noch gelernt hat, daß Fahrzeuge mit der halsbrecherischen Geschwindigkeit von 20 km/h zu Fieber, Wahnsinn und Impotenz führen können, und man die Eisenbahn daher verbieten müßte. Alle hassen mich, denn selbst Geschwindigkeitsbegrenzungen von 60 km/h halte ich penibel ein, auch ohne Warnung vor einem Blitzer. Und ich merke, wir sind wahrhaftig ein Volk von Rasern. In der Tempo-60-Zone auf der reparaturbedürftigen Autobahn überholen mich Autos mit einer Geschwindigkeit, daß die Scheiben dröhnen. So einer war ich wohl auch mal, denke ich, und meine Verbrauchsanzeige nickt aufmunternd. 6,6 Liter pro 100 Kilometer, ein neuer Rekord. Wie konnte ich je ohne Verbrauchsanzeige auskommen?

Wie ein Junkie hänge ich an ihrer Anzeige, und versuche hier und da noch einen Zehntel Liter im Verbrauch herunterzugehen. Die Benzinpreise steigen? Ich spare. Es ist bereits eine Sucht. Ich stelle mir schon vor, wie ich meiner Frau zurufe: „Schatz, ich bin noch mal mit dem Auto weg.“ „Aber wieso denn?“ „Nur so, noch ein bißchen Benzin sparen

Dienstag, März 21, 2006

Warum gibt es Pechvögel?

Pechvögel, das sind Menschen, denen alles schief zu gehen scheint. Menschen, denen das Schicksal nicht wohl gesonnen ist.

In früheren Zeiten waren solche Pechvögel sogar Menschen, die gemieden werden mußten. Man glaubte, Pech wäre ansteckend wie eine Krankheit. Im alten Griechenland glaubte man an ein Schicksal, dem niemand entrinnen konnte. Selbst wenn man schon wußte, was kommen würde, konnte man es doch nicht ändern. Oidipus erschlug seinen Vater und heiratete seine Mutter, obwohl ihm dieses vorausgesagt wurde. Pech war etwas, was einem ohne eigenes Handeln, und trotzdem schuldhaft anhing.

Bei den Indern glaubte man daran, daß schuldhaftes Handeln in einem früheren Leben Unglück in einem späteren Leben bedeuten konnte. So erklärte man sich, daß scheinbar unschuldige und gute Menschen schwerstes Unglück erleiden konnten. Seltsam ähnlich auch der Glaube der Calvinisten. Am Erfolg eine Menschen, also an seinem Glück oder Unglück, sahen sie Gottes Werk. Die Vorbestimmung des Menschen unterlag seiner nur Gott sichtbaren Schuldhaftigkeit. Nicht wer schuldig war, wurde unglücklich, sondern wer unglücklich war, war sicher auch schuldig.

Aus der Sicht der Wissenschaft gibt es für alle Ereignisse Wahrscheinlichkeiten, mit denen sie eintreten. Wenn man seine Hand auf die heiße Herdplatte legt, wird sie mit Wahrscheinlichkeit 1 danach weh tun. Daß man vor Schmerz zurückspringt, dabei eine Regalwand herunterreißt, dadurch eine Flasche Waschbenzin auf den Herd fällt, welche einen Brand entfacht, durch den das Haus abbrennt, diese Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. In so einem Fall redet man üblicherweise von Pech.

Pech ist also, wenn jemand ein unglückliches Ereignis erlebt, das nur eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit hat.

So gesehen müßte jeder wechselnd Glück und Pech haben, und zwar jeweils wesentlich seltener, als normale Ereignisse.

Der Pechvogel ist also jemand, bei dem das Pech öfter eintritt, als bei einem durchschnittlichen Menschen.

Nun möchte natürlich niemand gerne ein Pechvogel sein. Es muß aber zwangsläufig deshalb Pechvögel geben, weil es den durchschnittlichen Menschen gar nicht gibt. Angenommen, jeder Mensch könnte in seinem Leben 100 Mal Pech oder Glück haben. Dann ist es sicher am wahrscheinlichsten, daß jemand ungefähr genauso oft Glück wie Pech hat. Trotzdem ist es aber nie ausgeschlossen, daß sich unter den Milliarden Menschen auch welche befinden, die über 90 Mal Glück und nur 10 Mal Pech haben oder umgekehrt. Daß der Pechvogel von sich annimmt, er sei verflucht, es ginge nicht mit rechten Dingen zu, ist ganz natürlich. Trotzdem ist es falsch, denn wir brauchen keine göttliche Fügung, um Pechvögel zu haben.

Das klingt alles reichlich akademisch, und nun fragt sich der Leser: "Na und? Ob es eine Statistik für Pechvögel gibt, ist doch genauso interessant wie eine Statistik über Penisbrüche unter Masochisten in Japan. Ich wüßte lieber, wie ich Pech vermeiden kann."

Da gibt es dann zwei Antworten. Die unbrauchbare ist - man kann seinem Pech oder Glück nicht entrinnen.

Die brauchbare ist, man kann aber sein Pech oder sein Glück festhalten.

Manche unterscheiden hier zwei Menschentypen: den Gemütsmenschen und den Tatmenschen.

Der Gemütsmensch reflektiert sein Dasein, sein Leiden und sein Glück und ist entsprechend betrübt oder froh. Er sieht sich als Opfer des Zufalls oder des Schicksals und beklagt, daß er ein Pechvogel ist. Der Tatmensch hingegen ist täglich damit bemüht, seine Welt zu erschaffen. Er versucht...nein, Tatmenschen kennen das Wort "versuchen" oder "sich bemühen" nicht - sie tun oder tun nicht. Es ist klar, daß Gemütsmenschen geradezu darauf warten, daß das Unglück sie überfällt. Fast genußvoll sehen sie sich in der Opferrolle, die sie nicht wenden können. Im Glück werden sie aktiv - und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, daß es sich wendet. Im Unglück werden sie passiv, und erhöhen damit die Wahrscheinlichkeit, daß es bleibt. Der Tatmensch läßt die Situation los, die ihn unglücklich macht und schafft sich eine neue - hoffentlich glücklichere.

Im Börsenalltag kennt man dies auch als Donald/Dagobert-Typen. Donald glaubt nicht an sein Glück und verkauft die Gewinneraktie, wenn sie gerade ein bißchen Ertrag abwirft, weil er möglichst schnell sein Glück feiern und den Erfolg in Geld sehen möchte. So begrenzt er den Reichtum, den er bekommen könnte. Die Verliereraktie hingegen hält er, weil er hofft, am Ende doch noch Gewinn zu machen. Die Verluste sind unbegrenzt. Vielleicht ist es auch so, daß Donald vom Unglück passiv wird. Er bejammert nur sein Leiden, ändert es aber nicht. Dagobert hingegen läßt fallen, was keinen Ertrag bringt und begintn etwas Neues. Hat er Glück, dann hält er es fest, so lange es anhält, und verkauft erst, wenn der Aufwärtstrend gebrochen scheint. Und daß das der Fall ist, stellt Dagobert illusionslos frühzeitig fest. Zum Feiern seines Glückes hat Dagobert keine Zeit, denn er hat schon den nächsten Gewinn im Auge.

Was man vom Aktienhandel kennt, gilt nicht weniger für das tägliche Leben. Glückliche Situation halten, unglückliche ändern, statt umgekehrt im Glück übermütig und ungeduldig zu werden, hingegen das Unglück zu erdulden und zu bejammern, ohne an ein Handeln zu denken.

Wenn ich erdulden schreibe, dann steckt darin das Wort "Geduld". Kann es sein, daß man leichter zum Pechvogel wird, wenn man Geduld hat? Es ist nicht die Geduld gemeint, die in der Beharrlichkeit steckt, ein Ziel zu erreichen, auch wenn der Weg dahin länger dauert, sondern die passive Geduld, immer einfach abzuwarten, was noch geschieht, bevor man sich zum Handeln entschließt. In der Zeit, in der man wartet, laufen einem die Ereignisse davon, wendet sich das Schicksal gegen einen. "Hätte ich doch nur gehandelt...jetzt ist alles noch schlechter geworden" sagt man sich und wartet weiter ab.

Man sollte mal um sich blicken und beobachten, wer eher ein Pechvogel zu sein scheint und wer eher ein Glückspilz. Der Glückspilz ist oft eher laut, quirlig, tatkräftig, sogar dumm, der Pechvogel eher langsam, nachdenklich, geduldig, teilweise sogar erschreckend intelligent und sensibel. Gerade letzteres macht ihn um so eher unglücklich, denn er nimmt ja sein Unglück auch noch intensiv wahr, während der Glückspilz, wenn er mal hinfällt, einfach wieder aufsteht und gar nicht auf die Idee kommt, über den Sinn des Ganzen nachzudenken.

Letzteres nährt allerdings einen Verdacht. Objektiv gesehen gibt es unter uns Pechvögel und Glückspilze. Aber wie nehmen die Menschen dies wahr? Tatsächlich ist es eine Frage der inneren Grundeinstellung, ob sich jemand als Pechvogel sieht, oder ob jemand ein paar Mal Pech haben kann, ohne sich etwas dabei zu denken.

Und hier kommt dann noch die Figur der "selbsterfüllenden Prophezeiung" ins Spiel. Wer sich als Pechvogel sieht, wird passiv und unsicher. Und bringt sich damit in eine Haltung, die weiteres Pech anzieht. Wer sich hingegen als Glückskind sieht, der ist selbstsicher und aktiv - und zieht weiteres Glück an. Kurz: wer hat, dem wird gegeben. Pechsträhnen, sich verstetigendes Pech, das ist Teil des Menschseins, weil wir genetisch dazu veranlagt sind, auf unsere Umwelt in bestimmter Weise zu reagieren, zum Beispiel in Schmerzvermeidung. Und wenn Handeln Unglück bringt, dann werden wir passiv, weil wir auch seelischen Schmerz vermeiden.


Wenn wir an dem Punkt sind, haben wir verstanden, daß wir die Zufälle des Lebens nicht ändern können, wir können aber verschieden mit ihnen umgehen. Doch einen Schritt vorher gibt es noch zwei weitere Dinge, die uns Glück oder Pech bringen.

Vor Pech bewahren kann uns die Intuition. Pech mildern können Vorsorge und ein soziales Netz. An diesem Punkt werden Menschen doch auch aus eigenem Vermögen Pechvögel oder Glückspilze.

Was spreche ich mit der Intuition an? Der Kriminalforscher Gavin de Becker (unter anderem Autor von "Mut zur Angst") gibt dieses Beispiel:

Ein Mann betritt einen Schnellimbiss. Es ist Abend. Im Laden sieht alles ganz normal aus. Hinter der Theke wartet ein Angestellter, etwas abseits steht der einzige Kunde und hat scheinbar noch nicht bestellt. Den Mann überkommt ein komisches, aber starkes Gefühl von Gefahr, scheinbar komplett grundlos. Niemand schreit um Hilfe, niemand benimmt sich bedrohlich. Trotzdem folgt der Mann seiner Intuition und verlässt den Laden. Er kommt sich ziemlich blöd vor dabei. Seit wann ist er ein solcher Angsthase und Hysteriker?
Einige Stunden später hört er in den Spätnachrichten, dass in diesem Imbiss ein Überfall stattfand und ein Passant erschossen wurde.
Der geschockte Mann meldet sich daraufhin bei der Polizei als Zeuge. In der Befragung lässt sich rekonstruieren, was ihm — unbewusst — aufgefallen war. Da war erstens der Habitus des Angestellten. Der hatte zwar nichts gesagt und sich auch nicht getraut, etwas zu signalisieren, aber trotzdem waren seine Bewegungen nicht »normal« gewesen. Auch hier hätte man, gäbe es eine Videoaufzeichnung, dieses »nicht normal« empirisch griffig machen können. Die Weite seiner Pupillen, die fahrigen Bewegungen, die Art und Weise, in der er den eintretenden neuen Kunden nur kurz mit einem Blick streifte und sofort wieder auf den anderen Kunden schaute, obwohl dieser scheinbar nur im Raum herumstand. Das alles waren Fakten, die der Zeuge blitzschnell registriert, aber noch nicht mit dem Verstand verarbeitet hatte. Dann die Jacke, die der Kunde trug. Die war viel zu dick und warm für den lauen Frühlingsabend, aber gut dazu geeignet, darunter eine Waffe zu verbergen. Von seinem bewussten Hirn längst vergessen, aber unterbewusst noch gespeichert, war da schließlich noch die Tatsache, dass der Mann am gegenüberliegenden Eck ein Auto gesehen hatte, in dem zwei Männer saßen und scheinbar auf etwas warteten – das Fluchtauto, wie sich später herausstellte.
"Mensch, du hast Glück gehabt", meinten die Freunde des Zeugen, als sie von seinem knappen Entkommen erfuhren.


Tatsächlich hatte der Glückspilz eine gute Intuition, das heißt, eine sensible und rasche Auffassungsgabe für die Risiken einer Situation, und er war in der Lage, seinem Bauchgefühl zu folgen.

Pech wird insbesondere zu solchem, wenn man keine Vorsorge betreibt und unnötige Risiken eingeht. Der Volksmund sagt, wer sich in die Gefahr begibt, kommt drin um. Trotzdem begeben sich zum Beispiel viele Menschen im Straßenverkehr unnötig in Gefahr, weil sie eine Strecke ein paar Minuten schneller fahren wollen und deshalb rasen. Oder Menschen machen sich keine Gedanken darüber, was geschehen könnte und sorgen daher nicht vor. Weil keine Versicherung bestand, kann der Tod des Familienvaters plötzlich die Familie ins Unglück stürzen. Manche Menschen präparieren sich ihre Welt so, daß jeder Zufall automatisch ein Schadensfall wird. Sie sind nur auf eines vorbereitet - daß alles sich genau nach Wunsch entwickelt. Gerade das ist wenig wahrscheinlich. Andere bereiten sich alles so vor, daß sie auf unglückliche Zufälle vorbereitet sind und glückliche Zufälle nutzen können. Sie haben immer einen Plan B, weil immer etwas schief gehen kann.

So gesehen macht unser Handeln aus Zufällen Glück oder Pech.

Montag, März 20, 2006

Wenn man nur eine Frage hätte

Jeder kennt das: stell Dir vor, eine gute Fee erfüllte Dir drei Wünsche, was würdest Du Dir wünschen.

Das ist schon so oft durchgekaut worden, daß es kaum noch jemanden herausfordert. Natürlich würde man sich als erstes den nötigen Verstand wünschen, um die anderen beiden Wünsche richtig zu verwenden. Sofern man Verstand genug hat, zu verstehen, daß es auf diesen ankommt. Womit sich der Wunsch vielleicht schon wieder erübrigt hätte. Andere wünschen sich je nach Temperament die materiellen Annehmlichkeiten der Welt oder spielen ein wenig Gott, und wünschen sich Weltfrieden und ähnliches.

Andererseits: die Philosophen unter uns wünschen sich drei wirklich schmackhafte Drinks und wenden sich wieder dem realen Leben zu.

Nun gibt es keine Feen und auch Verstand wünschen sich viele Menschen vergebens. Interessanter ist vielleicht folgende Vorstellung: Man hat die Chance, zu einem allwissenden Wesen zu gelangen, das jede präzise eindeutige Frage ebenso präzise und eindeutig beantwortet (also nicht wie das Orakel, das auf die Frage: " Was ist die Bestimmung unseres Sohnes?" die nebulöse Antwort gibt: " Sie liegt in deinen Schuhen..." , worauf der Vater begeistert meint: " Er wird ein großer Fußballspieler." , dieMutter entgegnet: " Nein, er tritt in deine Fußstapfen und wird auch Klempnermeister." Die Großmutter aber schüttelt den Kopf: " Oj, er wird Vertreter für billige Socken." ).

Und nun stelle man sich vor, man hätte nur genau eine Frage, die wichtigste Frage seines Lebens, aber eben nur eine. Was würde man wissen wollen? Das eigene Todesdatum? Wer der zuverlässigste Freund ist? Ob es Gott gibt? Wer Kennedy umgebracht hat? Fragt nicht den Philosophen, er würde wohl wissen wollen, wo es in der Stadt den besten Drink gibt, und sich dann wieder dem realen Leben zuwenden.

Als ich Bekannten diesen Text vorlas, gab es schon bald ein Brainstorming, das ich in folgendem Dialog unterbringe:

A: "Ich würde nach den Lottozahlen der nächsten Woche fragen."

B: "Dann muß man aber hoffen, daß das Wesen nicht auch anderen diese Frage beantwortet, denn auf einige 1000 Menschen aufgeteilt ist auch der schönste Jackpot nicht mehr viel wert. Die Antwort muß exklusiv sein..."

C: "Höflich wie ich bin, würde meine Frage sein: Darf ich Ihnen eine Fragestellen?"

D: "Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts...?"

C: "Eine Frage...ist eine Frage ist eine Frage..."

E: "Will man die Antwort überhaupt wissen? Ich meine, man glaubt, man möchte es wissen. Aber wenn einem die Antwort nicht gefällt, will man es dann immer noch?"

B: "Oft stellt man auch nur Fragen, weil man eine bestimmte Antwort erwartet. Was macht jemand, der fragt, welches der beste Freund ist, und die Antwort ist: >> Du hast keinen einzigen?<<>>Wann wird meine Pechsträhne enden?<<>>Mit deinem baldigen Tod.<<>>Komme ich in den Himmel?<<>>Es gibt keinen.<< Als Kind hat man oft irgend etwas geträumt, was man werden würde, was man tun würde, was möglich wäre. Und dann stellt man eines Tages fest, es ist unmöglich, vielleicht nicht prinzipiell, aber man selbst wird nie ganz die Schwelle überwinden, die noch vor dem eigenen Traum liegt. Und dann konzentriert man sich auf das Erreichbare. Das ist dann das Erwachsenwerden.Ein solches Erwachsenwerden kann in dieser wichtigsten Frage liegen, nämlich, daß man auch die Antwort akzeptiert. Es gibt nämlich viele Menschen, die würden sich Gründe suchen, daß die richtige Antwort trotzdem die falsche ist. Oder sie umdeuten."

D: "Meistens fordert die Antwort gleich eine neue Frage heraus, aber seine eine wichtigste Frage hat man bereits verbraucht. Und wenn der Philosoph nur nach dem Weg zum besten Drink in der Stadt fragt, dann wohl aus derErkenntnis heraus, daß man auch nach tausend Fragen nicht alles wissen wird,was man möchte, vielleicht noch nicht mal das wichtigste, denn die erste Frage wäre wohl: >>Was muß ich eigentlich wirklich dringend wissen und kann es nicht allein herausfinden?<<"

E: "Das wichtigste wäre doch, so zu fragen, daß die Antwort nicht einfach Ja oder Nein ist. Denn meistens steckt das, was man wissen will, in derErläuterung."

D: "Ob ein Mensch klug ist, erkennt man an seinen Antworten. Ob ein Mensch aber weise ist, erkennt man an seinen Fragen. (Nagib Mahfus)"

E: "Wenn du eine weise Antwort verlangst, mußt du vernünftig fragen.(Goethe)"

C: (mit besonders schlauem Gesicht) "Welches ist die letzte Frage, die je ein lebendes Wesen stellen wird?"

B: "Ich denke, es ist wie beim Zeitungslesen: die meisten befragen das Wesen nicht, um etwas nutzbringendes zu erfahren, sondern nur, um sich zu unterhalten und die Zeit totzuschlagen. Die letzte Frage wird übrigens wirklich sein: wo gibt es hier `nen guten Drink? Was sonst kann man am Ende der Welt noch sinnvolles tun?"

A: "Ob die Antwort einem etwas bringt, wird sehr von dem abhängen, der fragt. Auch wenn man von anderen vielleicht gute Antworten bekommen könnte: seinen Weg muß man selbst gehen, und das Verstehen dafür muß aus einem selbst kommen. Es gibt Menschen, bei denen wird alles, was sie anfangen, zu Gold. Und anderen kann man eine Million geben und am Ende des Monats sind sie pleite. Sie fragen, wo etwas ist und man sagt ihnen: >>Da.<<>>Wo denn nun?<<>>Das Teil hier.<<>>Und wo schaltet man das ein?<<>>Ich weiß, daß Dir die Antwort nichts nützen wird, aber sie lautet...<<"

Samstag, März 18, 2006

Männer allein zu Hause - Teil 2

In der FAZ konnte man es prägnant lesen. Stephan Löwenstein schrieb unter dem Titel: „Im Jahr 2015 Schock in Ostdeutschland”, daß eine Studie des privaten Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung eine Bedrohung durch den Bevölkerungsrückgang vor allem in strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland, im Ruhrgebiet und im Saarland sehe.
„Junge und gut ausgebildete Menschen zögen auf der Suche nach einem Arbeitsplatz vor allem in die strukturstarken Gebiete Baden-Württembergs und Bayerns. So blieben die Alten, Arbeitslosen und Geringqualifizierten zurück, wodurch sich dort das Problem potenziere, heißt es in der Studie. Die arbeitslosen und schlecht qualifizierten Männer fielen als Familiengründer weitgehend aus.
Spätestens im Jahr 2015 werde der Osten den „zweiten demographischen Wendeschock” erleben, weil dann eine wegen des Geburtenrückgangs nach 1990 halbausgefallene Generation als Eltern fehlen werde, sagte Klingholz. Nach der Wiedervereinigung war die Geburtenrate in den neuen Ländern auf durchschnittlich 0,77 Kinder pro Frau zurückgegangen.“ (Text: F.A.Z., 16.03.2006, Nr. 64 / Seite 1)
Was hier mit spröden Worten kurz beschrieben wird, ist die Aussicht, daß in einigen Regionen Deutschlands die Vision aus dem gestrigen Beitrag gesteigert wird: umgeben von einem Altersheim sitzen Männer der schlechtesten Sorte zusammen – Verlierer. Ohne Frauen, saufend, debil, nicht selten rechtsradikal, denn Neid ist das einzige, was es in dem Milieu reichlich gibt.
Am gleichen Tag titelt der SPIEGEL „VERLASSENES LAND, VERLORENES LAND“, und gibt im Untertitel den weiteren Ton vor: „Polinnen als letzte Hoffnung“. Jochen Bölsche beschreibt die massenhafte Auswanderung junger Frauen aus Ostdeutschland, die wohl weltweit einmalig ist, denn Frauen sind eigentlich eher seßhaft. („"Nirgendwo auf der Welt ist die überproportionale Abwanderung von Frauen so groß wie in Ostdeutschland", sagt Wolfgang Weiß von der Universität Greifswald. Rainer Klingholz vom Berlin-Institut spricht von einem "historisch einmaligen Phänomen". In der Geschichte der Menschheit hätten bei Völkerwanderungen sonst stets Männer die Vorhut gebildet.“) Doch gut ausgebildete Frauen verlassen die Verliererregionen für Jobs – oder eine gute Partie.
Bölsche behauptet „Politiker erwägen bereits, Ausländerinnen für die Frustrierten anzuwerben - ein fragwürdiges Konzept.“ Nun ist das Konzept alles andere als fragwürdig, verwunderlich ist eher die Behauptung, Politiker hätten solches erwogen. Wenn ein Mangel an Frauen von über 10% bei der Pillenknickgeneration Politiker nicht zum Handeln bewogen hatte, warum dann das Leerlaufen des ländlichen ostdeutschen Raumes durch die Kombination der Nachwendegeburtendepression und des Wegzugs der Frauen zu Jobs und guten Ernährern?
„Frauen neigten dazu, sich ihren Partner möglichst in höheren Sozialsphären zu suchen, erklärt die Magdeburger Professorin Christiane Dienel: >>Frauen heiraten nach oben, Männer nicht.<< “ Wenn nun die ostdeutschen Männer den ostdeutschen Frauen nicht mehr genügen, weil der Wegzug der intellektuellen Oberschicht und Arbeitslosigkeit den durchschnittlichen Sexappeal der Verbliebenen senkt, ist es eine verwegene Annahme, daß willige Polinnen, Russinen oder Philippinas sich damit begnügen könnten.
Zwar ist eines wahr: in diesen Ländern gibt es ebenfalls viele Männer, die als Ernährer wegfallen. In Rußland dezimieren Armut und Alkoholismus die für eine Ehe interessanten Männer so deutlich, daß der Frauenüberschuß heiratswillige Frauen zu weitgehenden Kompromissen zwingt. Für Philippinas bedeutet der Mann im wohlhabenden Westen immer noch eine Wohlstandsversicherung für die Familie im Heimatland. Arbeitslose, deprimierte Männer sind aber auch für diese Frauen keine attraktive Aussicht, egal wie wohlhabend Deutschland sonst auf sie wirken mag. Die blumigen Beschreibungen aus dem SPIEGEL: „Auch die sächsische Landesregierung setzt bei ihren Bemühungen, wieder Leben in die sterbenden Städte zu bringen, offen auf die Macht der Liebe: Auf ihrer Homepage weist sie darauf hin, dass in diesem Bundesland laut Statistik 70.000 Frauen zwischen 18 und 40 Jahren fehlen, während im benachbarten Westpolen Männermangel herrsche.
Die Sprachbarriere zwischen Deutschen und Polinnen sei >>zwar ein Hindernis, aber überwindbar<<, zitiert die regierungsamtliche Website eine deutsch-polnische Kontaktagentur aus Görlitz. In der Stadt sei bereits jetzt zu beobachten, dass >>deutsche Männer durch die Straßen laufen, mit der einen Hand die polnische Freundin haltend, mit der anderen das Wörterbuch<<.“ täuschen darüber hinweg, daß es hier allenfalls den Stoff für weiteren Boulevardjournalismus über „Katalogfrauen“ gibt, aber keine ernsthafte Anstrengung, demographische Probleme zu lösen. Schon bei der Pillenknickgeneration hat der Frauenmangel am Ende nur dazu geführt, daß die deutschen Männer einige tausend ausländische Ehepartner mehr wählen als die deutschen Frauen. Es waren die betroffenen Männer selbst, unter denen nur eine Minderheit daran dachte, den Heiratsmarkt zu globalisieren. Von Seiten der Politik wurde die Suche nach ausländischen Ehepartnern eher aus Sorge vor Scheinheiraten stetig erschwert. Die latente Fremdenfeindlichkeit gerade im ländlichen Ostdeutschland macht es auch nicht einfacher. Bleiben Saufen, Fernsehen und Pornovideos – Männer allein zu Hause.

Freitag, März 17, 2006

Männer allein zu Hause - Teil 1

Die Männer aus den Jahrgängen ab 1965 waren die ersten, die die Tücken der demographische nEntwicklung zu spüren bekamen. Kaum bekannt, zählten sie zu den ersten Männern, die mit einem Mangel an Frauen zu kämpfen hatten.

Männer, die Schwierigkeiten haben, eine Freundin oder Lebenspartnerin zu finden, gehen davon aus, daß es ja wohl nur an ihnen liegen kann. In den falschen Kneipen gesucht, schlechte Bagger-Technik oder einfach zu schüchtern, denkt sich der Mann. Oder, die selbstbewußte Sorte: "Ich bin einfach zu gut - die Damen trauen sich nicht."Kein Mann kommt auf die Idee, daß demographische Effekte eine Rolle spielen könnten. Drei von ihnen spielen eine besondere Rolle: der natürliche männliche Geburtenüberschuß, der "Pillenknick" und Wanderungen der Erwerbsbevölkerung in die Städte. Der natürliche männliche Geburtenüberschuß beträgt etwa 5 % und hat die klare biologische Funktion, die Selektion des am besten angepaßten Menschen über die genetisch variablen Männer durchzuführen. Viele genetische Defekte, die über das X-Chromosom vererbt werden, treten beim Mann, der nur ein X-Chromosom besitzt, offen zutage und sorgen für eine erhöhte Sterblichkeit schon im Mutterleib. Im mittleren Alter sorgt die erhöhte männliche Sterblichkeit für ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis, dann erringen die Frauen die Mehrheit. So war es zumindest früher mal. Die moderne Medizin hat die Überlebensfähigkeit von Säuglingen und Kindern so erhöht, daß der männliche Geburtenüberschuß mittlerweile für einen fast 5prozentigen Männerüberschuß sorgt.

Der "Pillenknick" verstärkt diesen Trend. Männer und Frauen sind nämlich, wenn sie Partnerschaften eingehen, nicht gleichaltrig. Männer bevorzugen jüngere Frauen, Mädchen reifen schneller und stellen oft Erwartungen an ihren Partner, die nur von älteren Partnern erfüllt werden können. Im Mittel über alle Kulturen beträgt der Altersunterschied bei Ehepaaren 4 Jahre. In Deutschland ist der Altersunterschied von frisch verheirateten Ehepaaren in den neunziger Jahren durch die besseren Wahlmöglichkeiten der Frauen von 4 auf unter 3 Jahre gesunken (Statistisches Jahrbuch 1997). Das hätte für sich allein genommen keinen Effekt. Aber die Geburtenrate in Deutschland sinkt seit dem Pillenknick. Seit 1964 bis in die achtziger Jahre nimmt die Jahrgangsstärke um 2 bis fast 10 Prozent ab. Dadurch ist der Jahrgang, aus dem die männlichen Partner kommen, im Mittel stärker als der zugehörige Frauenjahrgang. Bei drei Jahren Altersunterschied bis zu 25 Prozent (Geburtsjahrgänge zu Beginn der siebziger Jahre).

Der dritte Effekt ist selektiver. Die mobile Erwerbsbevölkerung ist überwiegend männlich. Es ziehen mehr männliche als weibliche Arbeitnehmer in die Städte und auch bei Gastarbeitern herrscht ein starker Männerüberschuß. Das führte dazu, daß lange Zeit mehr deutsche Frauen als deutsche Männer einen Ehepartner mit anderer Staatsangehörigkeit hatten. Inzwischen gleicht sich dieses durch den verstärkten Zuzug osteuropäischer Frauen aus. Auch die Ausbildungseinrichtungen in einer Stadt können das Geschlechterverhältnis beeinflussen. Besonders Aachen und Karlsruhe mit den großen Technischen Universitäten sorgen für einen dauerhaften lokalen Überschuß an Männern.

Einige Daten dazu:
Bevölkerung nach Alter:
Jahrgang 1960: 1136200
Jahrgang 1965: 1232100 (kurz nach Höhepunkt Babyboom)
Jahrgang 1970: 1007600 (im Pillenknick)

Durchschnittliches Heiratsalter:
1990: 31,1 Männer, 28,2 Frauen, Differenz 2,9 Jahre.
1995: 33,2 Männer, 30,3 Frauen, Differenz 2,9 Jahre.

Jahrgang 1965: Anzahl Frauen: 591000, Männer: 641100

Männerüberschuß: 7,8% aller Männer - soviele bekämen keine Frau, wenn strikt gleichaltrige Partner geheiratet werden. 7,8% Arbeitslosigkeit sind ein echtes Problem, 7,8% Einsamkeit aber ?

Berücksichtigung eines mittleren Jahrgangsabstands von 3 Jahren entsprechend üblicher durchschnittlicher Differenz des Heiratsalters (wenn man die tatsächliche Verteilung der verschiedenen Heiratsalter berücksichtigt, kommt tendenziell das gleiche heraus, nur der Rechenaufwand ist höher):

Männerjahrgang 1960: 585300, Frauenjahrgang 1963: 598000, 12700 Frauen im Überschuß

Männerjahrgang 1965: 641100, Frauenjahrgang 1968: 565500, 75600 Männer im Überschuß (= 11,8 % der Männer bezogen auf ihre Gesamtzahl sind überschüssig)

Männerjahrgang 1970: 517500, Frauenjahrgang 1973: 375900, 141600 Männer im Überschuß (27,4 % Überschuß = Chance für einen Mann, eine Partnerin auf Dauer zu finden 3 zu 4! Man stelle sich vor, wie über 27,4 % Arbeitslosigkeit diskutiert würde. 27,4 % ohne Chance zur Familiengründung aber: kein Thema!)

Über eine halbe Million Männer in Deutschland konnten hier in Deutschland nie eine Partnerin auf Dauer finden, egal, was sie anfingen. Es ist wie die Reise nach Jerusalem: Wenn ein Stuhl weniger da ist als Mitspieler, wird am Schluß immer einer stehenbleiben, egal wie schnell nach Aussetzen der Musik alle rennen - sie erhöhen nur gegenseitig den Konkurrenzdruck.

Der Logik folgend müßten im Lauf der nächsten Jahre gut eine halbe Million Frauen aus dem Ausland zu uns ziehen, um dieses Mißverhältnis auszugleichen. Die ausländische Wohnbevölkerung in Deutschland ist jedoch zu 56 % männlich. Erwartungsgemäß tragen die in Deutschland wohnenden Thailänder einen Frauenüberschuß von 18400 Personen und die Philippinen von 14800 Personen bei. Seltsamerweise treten die Schweizer in Deutschland mit einem Frauenüberschuß von 4200 auch noch in Erscheinung, eine unerwartete Kuriosität. Der Beitrag ausländischer Frauen zum Männerüberschuß in Deutschland ist, trotz der häufigen Diskussion über "Frauen aus dem Katalog" vernachlässigbar. Alle Zahlen aus dem Statistischen Jahrbuch 1997 mit Stand 1995.

Mittwoch, März 15, 2006

Selbstverstümmelung für das Ego?

Tief in meinem Innersten hoffe ich immer, daß die Menschheit sich auf dem Weg zu wachsender Zivilisiertheit befinden und ihre Primitivität verlieren. Dazu gehört auch ein nüchternes Verhältnis zum Körper. Die Menschen im Busch müssen natürlich noch Mutproben ablegen und ihrem Körper Narben zufügen. Sie müssen ihren Rang und ihre Stammeszugehörigkeit mit Tätowierungen nachweisen, dem Personalausweis der Eingeborenen. Und da man nicht mit Lexus und Mercedes SLK angeben kann, steckt man sich eben Steine, Knochen und anderes Material in alle möglichen Hautöffnungen. Dank genehmigter Kontoüberziehung und kreditfinanzierten Autos hat das der moderne Mensch nicht mehr nötig. Oder doch? In Wahrheit sind inzwischen gut ein Drittel aller Menschen zwischen 15 und 30 gepierct, mit steigender Tendenz. Hübsch ist es nicht, wenn da ein Bolzen in der Zunge steckt, ungesund allemal, und eigentlich sollten sich die Krankenkassen weigern, die Zahnbehandlung, eventuell auch die Krebsbehandlung zu übernehmen, die als Spätfolgen anfallen. Aber wer richtet schon etwas gegen den Zeitgeist aus. Leben wir also lieber diesen Schmarrn voll aus und fragen nach weiteren Instrumenten, die sich für ein ökonomisches Piercing anbieten:

1. Hammer und Nagel

Die preisgünstigste Piercingalternative. Wenn man alle wichtigen Dokumente festnagelt, braucht man keine Taschen mehr. Sogar die Brieftasche kann Diebstahlsicher untergebracht werden. Leider kommt man dann selbst auch nicht mehr ans Geld.

2. Pipette mit Salpetersäure

Dank der schimmernden Gelbfärbung der angeätzten Haut gleitender Übergang zum modischen Branding. Vorsicht: die Löcher geraten recht groß, damit allerdings auch die Auswahl der Gegenstände, die man in die Löcher stopfen kann.

3. Schrotflinte

Die zeitsparende Variante. Nicht jeder kann sich dann die ganzen Bolzen und Ringe leisten, um alle Löcher zu füllen.

4. Dressierter Specht

Ökologisch bewegte Piercingfreunde werden diese natürliche Methode bevorzugen, die nötigen Löcher anzulegen. Das Training des gemeinen europäischen Buntspechtes nimmt etwa 2 Jahre in Anspruch, und auch bei der Wahl des Piercingortes ist eine gewisse Experimentierfreude nötig. Trotzdem: sollte uns das unsere Umwelt nicht wert sein?

5. Bürotacker

Dazu kann ich wirklich nicht raten – der Versuch, als vielbeschäftigter Managertyp zu gelten, der seine Arbeit mit nach Hause nimmt, geht meist daneben. Zu leicht wird man mit einem müden Verwaltungsbeamten verwechselt, der sich beim Büroschlaf vor einem Sturz vom Drehstuhl absichern wollte.

Wenn es etwas wirklich originelles sein soll, warum nicht ein Lebendpiercing? Gibt es nicht? Gibt es, hier jedenfalls. Ich schalte um zu einer:

Reportage über einen Besuch in einem Lebendpiercingladen.

Reporter Paul Maul live vor der Kamera:

Maul: "Ich stehe hier vor dem "Biber Town Shop", Hamburgs erstem Lebendpiercingladen."

Kamera schwenkt in einen Laden, der einem Zoogeschäft ähnelt. Verkäufer kommt ins Blickfeld, hünenhafter, kahlrasierter Mann in Ledermontur.

Maul: „Mario Hulk, früher im Kiez erste Adresse, wenn es um Russisch-Inkasso ging, betreibt seit drei Monaten seine neue Geschäftsidee, das Piercing mit Tieren. Guten Tag, Herr Hulk.“

Hulk grunzt freundlich in Richtung Kamera.

Maul: "Wie kamen Sie auf die Idee, Lebendpiercings anzubieten?"

Hulk: "Es ist der Zeitgeist. Die Menschen haben weniger Zeit, sie leben allein, sie wollen gut aussehen - wir bieten alles." Grinst und zeigt dabei ein Pferdegebiß.

Maul: "Alles...?"

Hulk: "Nun schauen sie..."

Hulk schnappt sich aus einem Käfig behende einen Rottweiler, der in seinen Pranken gar nicht mehr groß aussieht und trägt die ängstlich zitternde Bestie am Nacken in einen Nebenraum.

Hulk: "...unsere Piercings sind originell und jedes für sich einzigartig..."

Im Nebenraum wartet ein schmächtiges Männlein mit lichten Schläfen und Wohlstandsbauch angeschnallt in einem Behandlungsstuhl.

Hulk: "...gleichzeitig ist unser Piercingobjekt lebendig."

Hulk setzt den Hundkopf an der Schulter des Kunden an, schlägt kraftvoll auf den Schädel - der Hund beißt sich fest, Aufheulen von Hund und Kunden, Blut spritzt, während der Ladenbesitzer ungerührt weiterspricht.

Hulk: "Also, ein ständiger Begleiter, ein Freund..."

Hulk legt eine Stahlklemme um die Schnauze des Hundes, der nun auf der Schulter fest verkeilt ist. Die Schmerzensschreie des Kunden ebben ab.

Hulk: "...und keine Probleme mit einsamen Tieren zu Hause. Sie wissen immer, wo ihr kleiner Liebling ist."

Der Rottweiler fletscht die Zähne und sabbert, während der Kunde aus den Schnallen befreit wird und zur Kasse wankt, behindert vom großen Vieh, das nun über seinem Rücken hängt.

Maul: "Sie piercen nur mit Hunden?"

Hulk: "Oh nein, Hunde, Katzen, Schlangen, Biber...was immer sie wollen, wir haben es. Natürlich beraten wir unsere Kunden."

Maul: "Natürlich..."

Hulk: "Zum Beispiel wollte neulich ein Kunde einen Hai..."

Maul: "Das geht natürlich nicht..."

Hulk: "Nicht, wenn jemand rothaarig ist. Und das war hier der Fall. Wir haben dann einen Elefanten implantiert."

Maul: "Ach..."

Hulk: "Und der Kunde ist hochzufrieden. Jetzt fühlt er sich beachtet, wo er vorher ignoriert wurde, hat ein Piercing, das typgerecht ist - und kommt auch ohne Auto überallhin..."

Maul: "Überall?"

Hulk: "Wohin der Elefant will."

Maul: "Ja, dann danke für das Interview."

Hulk: "Gern geschehen. Wollen Sie es nicht auch probieren?"

Maul: "Äh, nein danke..."

Hulk, nun drohend: "Wollen Sie es nicht auch probieren?"

Maul, piepsend: "Aber sicher..."

Hulk, wieder ruhig: "Natürlich, jeder will es. Python, Python würde Ihnen vorzüglich stehen..."

Kamera blendet langsam ab, während der Reporter Paul Maul von Mario Hulk in den Behandlungsstuhl geschnallt wird.

Dienstag, März 14, 2006

Lächeln oder Verhüten


Die Deutschen sterben mal wieder aus. Scheinbar gewöhnt man sich daran, aber das Gefühl ist trügerisch, denn bisher hatten wir die Folgen noch nicht zu spüren. 2005 wurden also nur noch halb so viele Babys geboren wie 1964, 670.000 statt 1,35 Millionen. 1964, das ist mein Jahrgang, 2005, das ist der Jahrgang meines Sohnes. Und wenn ich in einer Excel-Tabelle die Bevölkerungsverteilung von 2001 mit den in etwa bekannten Sterbetafeln, mit angenommenen Geburtenraten der Frauen und der heutigen Zuwanderung fortentwickele, dann komme ich für 2060 nur noch auf 334.000 Babys - die nächste Halbierung.

Man verdrängt gerne, was das für einen selbst bedeutet. Wer zahlt mir die Rente? Wer pflegt mich? Werde ich in Frankfurt oder Köln dann so leben wie heute in Hoyerswerda oder Eisenhüttenstadt, wo sich alle 25 Jahre die Bevölkerung halbiert? Wo nur noch wegen mangelndem Bedarf geschlossen und nichts mehr eröffnet wird? Und wie sieht es für meinen Sohn aus, wenn er in Rente geht? Wird er überhaupt noch in Deutschland leben wollen? Die Schrumpfung der Bevölkerung würde das deutsche Wirtschaftswachstum auf vielleicht ein halbes Prozent senken, sagen Wirtschaftsforscher. Wer die Wahl hat, wird dann vielleicht lieber woanders leben - und wer zurückbleibt, wird dann noch nicht mal für dieses halbe Prozent Wirtschaftswachstum sorgen können.

Heute ist Deutschland ungeheuer wichtig in der Welt - und kaum ein Deutscher merkt es. Es kann in einigen Jahrzehnten, noch zu meinen Lebzeiten und ganz sicher zu Lebzeiten meines Sohnes, umgekehrt sein - nur die Deutschen nehmen sich noch wichtig, die Chinesen, Amerikaner oder Inder bemerken gar nicht, daß es Deutschland noch gibt. Exportweltmeister, 6% der Weltwirtschaftsleistung, führendes Forschungsland, das hängt alles auch an der deutschen Bevölkerungszahl. Die Deutschen meinen vielleicht, ihr Land wäre auf dem Globus so klein, eine Bevölkerung von 82 Millionen bei über 6 Milliarden Erdenbürgern nicht der Rede wert. Aber die Wahrnehmung der Deutschen hängt auch daran, welche Wirtschaftsleistung sie erbringen. Man kann sogar weiter gehen: die kulturelle Durchsetzungskraft der Deutschen (nicht nur in Deutschland) hängt daran, wie viel Wirtschaftskraft mit deutschsprachigen Wertschöpfern verbunden ist. 2003 war die weltwirtschaftliche Leistung gut 37 Milliarden Euro. Davon kamen 39% aus englischsprachigen Ländern, 12% aus Japan und 7% aus deutschsprachigen Ländern. Chinesisch-, spanisch- und französischsprachige Länder folgen - in der Reihenfolge. Wir sind wichtiger, als wir denken, und wir profitieren davon. Fast jedes globale Unternehmen braucht ein Standbein in Deutschland, deutsche Konsumenten haben globale Marktmacht, Nichtdeutsche lernen deutsch, weil man in der Sprache Geschäfte machen kann. Finnen, Ungarn oder Slowenen kommen mit ihrer Sprache nicht weit. Sie leben nicht unbedingt schlecht, aber Deutsche haben es bequemer. 2040 aber wohl nicht mehr, denn bis dahin können sich Chinesen, Inder, spanisch-, französisch- und portugiesischsprechende Länder vor die deutschsprachige Welt gesetzt haben. Bis dahin sollten wir alle gut Englisch gelernt haben, denn ohne diese Sprache läuft dann auch in Deutschland nichts mehr, oder?

Wir wissen, daß es schlecht ist, zu wenig Kinder in die Welt zu setzen, jedenfalls die meisten unter uns, trotzdem lassen wir es zu. Warum? Sind wir in Deutschland zu gut im Ausredenerfinden? Es gibt Länder mit geringerer finanzieller Förderung von Kindern, mit weniger staatlicher Kinderbetreuung, mit schlechterer wirtschaftlicher Lage, in denen trotzdem Frauen mehr Kinder gebären. Wenn wir daran drehen, werden das zwar alle Familien begrüßen, aber vermutlich wird sich an der Geburtenrate nicht mehr als 10%, vielleicht 15% ändern. 1,4 Kinder bekommen Frauen in Deutschland im Durchschnitt. 50% mehr müßten es sein, um die Bevölkerungszahl zu halten. Im Grunde aber liegt es daran, daß die Menschen in Deutschland einfach keine Kinder zur Welt bringen wollen. Es macht Arbeit. Es stört gerade. Erst noch die Ausbildung. Erst noch in den Beruf einsteigen. Erst noch sich selbst erfüllen. Erst noch... Und dann das Kind. Wenn es gut paßt. Wenn man, leider, nicht mehr kann, alte Menschen sind nun einmal nicht fruchtbar.


Warum wollen gerade Deutsche so ungern Kinder zur Welt bringen? Ich habe dazu jetzt keine wissenschaftliche Untersuchung gemacht, aber ich glaube, es liegt auch daran, daß Deutsche zu wenig lächeln. Wer lächelt, das Leben von der freundlichen Seite sieht, optimistisch ist, der hat auch gerne Kinder. Er sieht die Chancen für seinen Nachwuchs, nicht bloß die Sorgen. Wer stets meckert, wer immer überlegt, wem es besser geht, warum etwas nicht gehen sollte, was einem zusteht, der findet auch leicht Gründe, warum er gerade keine Kinder in die Welt setzen kann. Man schaue sich an, wie leicht Menschen in den USA oder in Irland lächeln, und wie viele Kinder sie haben. Man betrachte, wie sorgenvoll Menschen in den früheren Ostblockländern sind, wo die Kinderzahl besonders dramatisch zurückging. Und man denke an die deutsche Mentalität, wo das Gras jenseits des Zauns immer grüner ist und man in jeder Suppe ein Haar findet. Wer wirklich ein Kind will, der fragt nicht, wie er das bezahlen soll und in welche Kindertagesstätte er es geben soll, der denkt nicht an seine Arbeitslosigkeit oder an Klimaveränderungen, der macht es einfach.

Wer nicht lächelt, verhütet. Wer lächelt, läßt zu. Kinder sind so. Und wer Kinder wirklich will, der muß was kindliches in sich fühlen.

Montag, März 13, 2006

Alles hat einen Anfang, nur die Wurst hat zwei

Da fange ich also einen Blog an, und mein erster Gedanke ist, daß es vermutlich eine Reihe von Blogs gibt, die mit praktisch dem gleichen Satz anfangen. Schon als ich den Titel schrieb, war meine erste Reaktion, ihn in google als Suchbegriff einzugeben, und ich erntete prompt 12 Treffer.

Das Problem ist, daß die Zahl der Schreibenden die Zahl veröffentlichungswürdiger Gedanken weit übertrifft. Es ist schwer geworden, etwas Neues und Wichtiges zu schreiben, weil so viele Menschen schreiben, darunter viele, die es besser ließen, darunter viele, die eigentlich nur abschreiben.

Selbst zu denken, ist nämlich schwer. Selbst zu denken, und dabei die Regeln der Logik einzuhalten und den Raum des Trivialen zu verlassen, ist gleich noch viel schwerer. Dies zu bewerkstelligen, dann aber auch noch von einem breiten Publikum verstanden zu werden, das ist wahre Kunst. Das breite Publikum nämlich mag nicht überfordert zu werden. Es möchte alles Neue in so kleinen Häppchen serviert bekommen, daß es ohne eigene Anstrengung folgen kann. Es verlangt, bei jeder Information auch unterhalten zu werden. Das Publikum hätte gerne die Relativitätstheorie auf einem Bierdeckel, drei Viertel davon als Abbildungen, und jeweils zur Einführung und zum Abschluß ein kleiner Witz.

Ich will das Publikum, die Allgemeinheit, den kleinen Mann von der Straße, oder wie immer man Herr und Frau Jedermann nennen will, nicht heruntermachen. Sie stellen die Mehrheiten, sie sind die Menschheit. Sie fordern, was sie fordern, zu Recht. Auch wenn es nicht immer möglich ist. Und auch, wenn sie die Folgen tragen dürfen. Zum Beispiel das exponentielle Anwachsen der Trivialitäten in unserer Welt, in unserer Medienwelt speziell. Dieses Wachstum allein erregt bei mir keine Besorgnis. Besorgnis erregt nur, daß man zwischen all den Kopien, den Oberflächlichkeiten, dem halbgar Serviertem kaum noch das zu entdecken vermag, was einen interessierten, bilden und berühren könnte. Es steigt nur noch die Zahl der Meldungen, der Artikel, der Filme, der Bücher, der Wörter und Buchstaben, aber die Zahl der Ideen, der Gedanken, die steigt vielleicht nicht mehr. Und man muß vielleicht immer mehr Zeit damit verbringen, etwas zu lesen, bis man das findet, weswegen man liest.

Die größte Angst ist dann, daß der eigene Blog auch nur die Verstärkung des Rauschens ist, nicht aber des Signals. Und den kleinen Witz am Ende, den habe ich auch noch vergessen...

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